Und immer noch in aller Munde! Zum 65. Geburtstag und 25. Todestag der Deutschen Demokratischen Republik

Von Hagen Bonn

Papst Bonifatius VIII. rief das Jahr 1300 zum ersten Heiligen Jahr aus und erfand dazu den passenden Jubel-Ablass. Die Sitte des »Jubiläums« selbst schaute man sich vom gleichnamigen jüdischen Yovel (dem Jubeljahr) ab, das schon im Alten Testament Erwähnung findet. Früher wie heute müssen wichtige ideologische Konstrukte historisch begründet sein, damit sie geglaubt werden. Dabei verhält sich der zu vermittelnde Inhalt reziprok zum reellen Gehalt an Vernunft und Logik. Je abwegiger, desto stringenter die angebliche historische Kontinuität. Nur so wird etwas als (natürlich) Gewachsenes begriffen, also für alle greifbar gemacht. Das Dasein ergibt sich aus dem Dagewesensein.

Ob Parteiprogramme oder aktuelle politische Initiativen der Herrschenden aufgelegt werden, ob mit Philosophismen oder Predigten – zuerst müssen fieberhaft, oh Unglück, fehlende Traditionslinien gezogen werden. Denn wer seiner Klassenlage gemäß nicht in der Lage ist, sich historisch und materialistisch zu deuten, muss sich diese Deutung selbst schaffen, er muss sie sich verleihen, sie wie ein Abzeichen auf der Brust für alle sichtbar tragen. Erst dann ist er geschichtsträchtig und darf ernst genommen werden.

Vergessen wir nicht die Sonderform des negativen Jubiläum. Dieses bietet den Vorteil, die mühevolle Selbstdefinition ganz zu umgehen. Das negative Beispiel kommt grandios inszeniert zur Aufführung und schwemmt aus sich selbst heraus die implizierte Kritik. Die hinterlässt verschwommene Ideenkomplexe oder Schlussfolgerungen, die als Rohmaterial bestens geeignet sind, kontextbezogene oder tagesaktuelle Gewissheiten zu konstruieren. Und das, wenn es beliebt, im Jahrestakt. Wer wüsste das besser als wir?

Die Geschichte der neuen BRD ist gleichsam die Geschichte der negativen Anlässe. Jährlich erwischt uns der 17. Juni. Dann der Mauerbau. Im Kalender weiter hinten der Mauerfall. Daneben, aber schon deutlich leiser, die »Reichskristallnacht«, der Tag der Opfer des »Nationalsozialismus«. Wir merken (und nicht nur wir), Drittes Reich und DDR treten in der Erinnerungssuppe wie Geschwister auf, als Negativjubilare. Aber starb der staatliche Faschismus genau am 8. Mai 1945, so ist der genaue Todeszeitpunkt der DDR durchaus unklar. Bestenfalls könnten wir formulieren: »im Verlauf des Jahres 1989«. Und wie tot ist die totgesagte DDR? Geht da vielleicht ein Gespenst um? Wie stehen wir zum negativen Jubeltag auf den dahingeschiedenen Staat? 25 Jahre, wie kann man denn so lange tot sein und immer noch in aller Munde!

»Wirklich tot ist ein Mensch erst dann, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert.« Demnach und auf tote Staaten bezogen, stellen wir fest, dass die DDR eine sehr muntere und nicht totzukriegende Staatsleiche ist. Dabei hat die »Erinnerungskultur« der BRD in den letzten 25 Jahren keinen Dreckkübel ausgelassen, der dazu angetan schien, den Status quo zu gewährleisten, nach dem die ostdeutsche Republik auf dem Friedhof der Weltgeschichte, gelinde gesagt, etwas abseits gelagert ist, gleich hinter der Mauer des offiziellen Trauerhains, neben den Selbstmördern und Konfessionslosen sozusagen. Besagte »Erinnerungskultur« ist eine grandiose Delegitimationsindustrie.

Aber was macht man mit toten Staatsgebilden? In der Weltgeschichte wimmelt es nur so von untergegangenen Kulturen. Das Altertum indes haderte nicht viel. Schon im »Buch der Bücher, Hebräer 13,14«, lesen wir: »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.« Das wäre nachgerade kontraproduktiv für bundesrepublikanische Ideologen, die sich jedesmal die Augen wischen, wenn Beliebtheit oder Akzeptanz des Arbeiter- und Bauernstaats trotz aller Hetzkampagnen (oder derentwegen?) in den Umfragen ungebrochen erscheinen und fast zu befürchten ist, dass man sich in ernsthaften Krisenzeiten Sezessionsbestrebungen aus dem Osten Deutschlands erwehren müsste.

Es war Albert Schweitzer, der festhielt: »Was ein Mensch an Gutem in die Welt hinausgibt, geht nicht verloren.« Sollte Gleiches für das kollektive Staatsgebilde Ost-Elbiens gelten, wären die Ängste der Erinnerungspolitiker womöglich begründet. »Zurück in die Zukunft!« könnte in Zeiten südeuropäischer Krisenzustände auf Schildern bei Demonstrationen in Leipzig zu lesen sein. Der deutsche Michel zündet spät, aber einmal in Fahrt, ist er nicht mehr zu bremsen! 20prozentige Lohnkürzungen, Verdreifachung der Arbeitslosigkeit, Zusammenbruch der Krankenversorgung wie in den Mittelmeerländern? Das wird es im Osten Deutschlands definitiv nicht geben. Nicht mit einer ostdeutschen Erinnerung im Hinterkopf! Die Marktschreier vom »wirtschaftlichen und politischen Totalbankrott der DDR« werden dann auch aus ihrer Presse erfahren, was wirklich der Fall war in diesem fernen Land. Damals. Real. Was aber bleibt? Die Deutsche Demokratische Republik ist tot. Und ja: Es lebe der Sozialismus. Wir werden deswegen nicht heulen! Obwohl. »Traurigkeit ist nicht ungesund – sie hindert uns, abzustumpfen.« (George Sand)

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